„Bremsen ist das neue Gasgeben“

Im Gespräch mit ZDF-Moderatorin und Sportjournalistin Annika Zimmermann.

Als Sportmoderatorin im ZDF ist Annika Zimmermann seit Jahren ein prägendes Gesicht, besonders bekannt aus dem ZDF-Morgenmagazin. Sport und Bewegung nehmen im Leben der Journalistin auch privat einen wesentlichen Platz ein.

Ein Auszug aus: aktiv Radfahren 11/12/2020

Interviewt Annika Zimmermann als Sportreporterin fürs ZDF namhafte Profisportler, etwa beim legendären Ironman auf Hawaii, der letztjährigen Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha oder der Tour de France, wird rasch deutlich: Die 31-jährige, gebürtige Darmstädterin ist selbst schwer sportbegeistert und vermag diese Freude an Bewegung, Wettkampf und „ans Limit gehen“ ihren Zuschauern zu vermitteln, für sie nachempfindbar zu machen. Das verwundert nicht, schließlich war die Sportjournalistin bereits in Kindertagen ambitionierte Leichtathletin, nahm später an Triathlonwettkämpfen teil und entdeckte vor einigen Jahren das (Renn-) Radfahren neu für sich. Der erfrischenden Frohnatur nimmt man ab, dass regelmäßige Bewegung nicht allein die körperliche Fitness, sondern eben auch die gute Laune fördert.

Fotos: Sebastian Paddags

Insbesondere im Radfahren hat Zimmermann zu einem guten Teil ihre (sportliche) Erfüllung gefunden. Als echte Ausdauerkönnerin, die bei intensiver körperlicher Anstrengung aufblüht, hat die Sportmoderatorin des ZDF bereits den gefürchteten Ötztaler Radmarathon sowie die Rennrad-Transalp – beide Veranstaltungen prägt ein überaus anspruchsvolles Höhenprofil – erfolgreich bewältigt. Anders, als es die Teilnahme an derlei Ausdauer-Radrennen vermuten ließe, wiegt für die studierte Sportjournalistin das erhebende Gemeinschaftserlebnis wesentlich schwerer als Zielankunftszeiten und die eigene Platzierung. Das persönliche, sportliche Erfolgsrezept von Zimmermann? Es lässt sich mit mehr Genuss und purem Spaß an der Bewegung anstelle von überzogenem Leistungsdruck und Sportfrust zusammenfassen. Wie es trotz eines strapaziösen Arbeitsalltags dank körperlicher Fitness gelingt, in die eigene Balance zu finden, hat die TV-Sportmoderatorin schon 2018 in ihrem Ratgeberbuch „Fit und fröhlich“ besprochen. Selbst für Fitnessprofi Zimmermann ist das Erreichen eines gesunden Verhältnisses aus Arbeit und Leben nicht zuletzt in den LiveSendungswochen des ZDF-Morgenmagazins bisweilen eine Herausforderung. Über mannigfaltige Möglichkeiten, ihre Radleidenschaft auszuleben, verfügt sie an ihrem neuen Lebensmittelpunkt Griechenland, wo sie im Frühjahr 2021 von ihr begleitete Radcamps ausrichtet. Griechische Lebens- und Radfahrfreude will sie den Teilnehmern dabei vermitteln. Ihre sportliche Expertise teilt Annika Zimmermann zudem in Form von Trainings- und Fitnesstipps mit den Mitgliedern des Radclubs (www.radclub.de).

Woher rührt deine Radbegeisterung – aus erlebnisreichen Kindertagen im Sattel oder war Radfahren für dich eine späte, aber leidenschaftliche Entdeckung?
Ein bisschen beides. Ich saß wohl schon immer gut auf dem Rad, sagen mir Wegbegleiter, aber verfolgt hab ich das lange nicht weiter. Die richtige Entwicklung zur Radfahrerin kam über den Job, als ich fürs ZDF bei einem Trainingslager vor Ort war. Da saß ich länger auf dem Rad und stellte fest, „aha, ist doch gar nicht so blöd“. Daraus hat sich die Rad-Leidenschaft entwickelt, ich war richtig verliebt. Manchmal braucht es länger, bis man merkt, „Mensch, das ist doch eigentlich meins“.

Dient dir der Sport auch dazu, dich und dein Leben – das sich häufig vermutlich stark nach außen orientiert und für das eine positive Außenwirkung essentiell ist – wieder in die innere Mitte zu bringen?
Eine schöne Frage! Ja, das viel „im Außen sein“ und funktionieren müssen, darum geht es bei mir schon häufig, völlig richtig. Und früh aufzustehen und so eine Sendungswoche lang keinen Tiefschlaf zu haben, ist schon echt viel für mich. Für mich ist Radfahren ein tolles Werkzeug, um dazu einen Gegenwert zu schaffen. Mit wenig Zeit in der Sendungswoche gehe ich eher eine Runde laufen, aber meine Zeit auf dem Rad ist mir absolut heilig. Ich würde das wie eine Art Meditation beschreiben, bei der ich im Kopf alles ein bisschen „aufräume“ und mich wieder frei mache. Einfach abschalten, ganz bei mir sein und nur mich wahrnehmen. Das merke ich immer, wenn ich Rennen fahre: Da spüre ich mich am intensivsten. Dann genieße ich die Gegend, freu mich über das Fremde und erlebe magische Momente. Das gibt mir neue Energie, nachdem ich selbst so viel gegeben habe.

Worauf lässt du die Reifen bevorzugt rollen? Auf Asphalt, im Gelände?
An sich bin ich schon eine Asphalt-Annika (lacht). Es ist jetzt etwa zwei Jahre her, dass ich das Rennrad wirklich für mich entdeckt hab und wenn mir das irgendwann langweilig wird, weiß ich, dass mir fürs Mountainbiken mit Griechenland ein wahres Paradies zur Verfügung steht. Das hab ich auch schon mal gemacht, klar, aber in der Stadt oder auf dem Weg zur Arbeit bin ich eigentlich auf Asphalt unterwegs.

Hast du eine Lieblings-Radtour bei Berlin?
Nein, weil insbesondere meine Sendewochen speziell sind und in Berlin länger Rad zu fahren immer nicht so ganz passt. Dort bin ich immer nur zum Arbeiten und meine Radtouren finden in Griechenland statt. Dort gibt es schöne Runden, auf denen man bis zu 4000 Höhenmeter an einem Tag bewältigen kann. Es ist also sehr bergig, ich fahre oft tolle Mittagsrunden. Einfach zwei Stunden aufs Rad und 1000 Höhenmeter auf einen schönen Berg fahren – und zurück. Da hat man hier oft schon Meer und Stadt gesehen und zurück am Arbeitsplatz fühlt man sich großartig. Wenn ich mit dem Rad in Berlin war, waren das größere Touren ins Umland. Da ich in Mitte wohne, war es aber immer nervig, erst mal aus der Stadt raus zu fahren. Das dauert ewig. Seit ich Rennrad fahre, bin ich gern in hügelig-bergigem Terrain unterwegs, weshalb Berlin für mich noch nie die top Rennrad-Destination war.

Nutzt du das Rad zusätzlich als Fortbewegungsmittel, etwa beim Einkaufen?
Immer, wenn möglich. Bin ich mit dem Rad beim Einkaufen unterwegs, dann mit drei Rucksäcken, um alles nach Hause zu bekommen. In Griechenland nennt man mich schon einen Packesel (grinst), aber es macht einfach viel mehr Spaß, das Rad anstelle des Autos zu nutzen.

Als Bewegungsmensch kennst du vermutlich kaum Phasen, in denen du der Anziehungskraft des Sofas nachgibst?
Nein, das erlebe ich dann, wenn ich geschäftlich Ruhe habe, und gestehe ich mir zu. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, das Phänomen „schwarzes Loch“ greift hier bei mir und ich werde in die Couch gesogen (lacht). Du kannst dauerhaft nur viel leisten, wenn du weißt, dass danach wieder eine Pause kommt. Wenn ich mich so umhöre, dann ist das ein Problem in der heutigen Zeit: Dass wir alle viel zu arg „am Rad drehen“, weil es immer mehr, immer schneller sein muss. Eigentlich müssten wir uns stärker bremsen.

Gelingt dir das denn, bremst du dich ab und an?
Da ich beim ZDF schon mit 25 Jahren angefangen hab, so früh für die Sendung aufzustehen, musste ich mich mit der eigenen Balance schon früh auseinandersetzen. Und ja, ich mache das, habe da bei mir aber auch klar einen Lernprozess beobachtet. Natürlich geht immer noch mehr; aber man kann auch noch viel länger nichts machen. Mit meinem Umzug nach Griechenland hab ich schon einen wichtigen Schritt zu mehr Lebensbalance gemacht. Da ich jetzt meist hier wohne und einen gewissen Abstand zur stressigen Arbeitszeit entwickelt habe, bin ich in meiner Balance und auf dem richtigen Energielevel.

Wie gelingt es dir trotz deines anspruchsvollen Berufsalltags, in dem du fürs ZDF-Morgenmagazin in der Sendungswoche nachts um 02:30 Uhr aufstehst, fit zu bleiben?
Ich weiß nach sechs Jahren immer noch nicht genau, wie ich das bis hierhin geschafft habe. Laut Schlafforschung führt eine so kurze Nacht dazu, dass Menschen wie ich sich tagsüber fühlen wie alkoholisiert, weil mir in der Sendungswoche die Tiefschlafphase fehlt. Wenn ich um 02:30 Uhr aufstehe, habe ich die noch gar nicht begonnen. Das schlaucht – kombiniert mit der Herausforderung einer Live-Sendung vor Millionen von Zuschauern – so sehr, dass man das mit einem Menschen vergleichen kann, der zwei Promille hat, also etwas vernebelt durch die Welt läuft. Umso mehr fahre ich nach extremen Arbeitseinsätzen wie auf Hawaii (langes Arbeiten mit 12 Stunden Zeitverschiebung) erst mal auf ein absolutes Minimum herunter und mache erst mal gar nichts. Das kommuniziere ich auch klar an meine Außenwelt. Auf sich zu achten, ist so wichtig. Ich kann es nur wiederholen. Wie meinen Lieblings-Leitsatz: Bremsen ist das neue Gasgeben.

Interview, Text: Florian Storch

Das komplette Interview ist in der aktiv Radfahren 11/12/2020 zu lesen. Mitglieder des Radclubs erhalten das Magazin (oder ein anderes der BVA BikeMedia) im Rahmen ihrer Mitgliedschaft.