Fitnesskurs für Fahrrad-Schrauber

Kleinigkeiten wie Schlauch wechseln ist okay, aber etwas anspruchsvollere Reparaturen lieber den Fachleuten überlassen – vielen Fahrradfahrern geht es so. Dabei wäre es doch schön, ein bisschen mehr Schrauber-Fertigkeiten zu entwickeln. Dies ist das Ziel der Radclub-Reparaturworkshops, die im Winter 2019/2020 gestartet sind und in diesem Jahr ausgebaut werden sollen. Ein Bericht vom ersten Radclub-Schrauber-Workshop in München.

Die (hier noch leere) Location: Listnride in München an der Nymphenburger Straße.

Zwei Themen des von Sebastian Böhm (Leiter Test & Technik bei den Magazinen aktiv Radfahren, BikeSport E-MTB und ElektroRad) im Showroom von Radclub-Partner Listnride geleiteten Workshops waren – neben vielen. anderen – tubeless- und Bremsen-Wartung.

Keine Angst vor tubeless

Was sind die Vorteile von tubeless?

  • Bei einem Durchschlag ist nichts kaputt.
  • Der Rollwiderstand ist geringer.
  • Die Milch dichtet Löcher bis 2 oder 3 mm ab.
  • Bei größeren Löchern oder Rissen, die durch die Milch nicht mehr abgedichtet werden, können Plugs (kleine Gummiwürste) ins Loch gedrückt werden, die diese abdichten. Alternativ wird unterwegs einfach ein Ersatzschlauch eingezogen (das tubeless-Ventil nimmt man dann heraus) und die Fahrt fortgesetzt.

Tubeless-Systeme verlieren allerdings immer ein bisschen mehr Luft als Schlauch-Systeme.

Sind meine Laufräder tubeless-fähig?

Nur wenn die Felge „tubeless ready“ ist, sollte man vom Schlauch- zum Milch-Prinzip wechseln. An der Felge muss ein Horn zu sehen sein, nur dann ploppt der Mantel auch richtig in die Felge. Wichtig ist, dass man beim Luftdruck niemals über das vom Felgenhersteller angesetzte Maximum geht – der Wert ist auf der Felge zu lesen; Carbonfelgen können sonst kaputtgehen.

Wann muss neue Dichtmilch ergänzt werden?

Die Milch ist für Selbstheilung bei Pannen und dichtet die Kontaktstelle von Felge und Karkasse ab. Die Milch hält mindestens 2,5 bis 3 Monate, irgendwann diffundiert das Ammoniak in der Dichtmilch und die Dichtwirkung lässt nach. Dies kann getestet werden, indem das Laufrad geschüttelt wird, hört man Partikel/kleine Klumpen, sollte neue Milch eingespeist werden. Das Nachfüllen geht sehr schnell, passiert in fünf bis zehn Minuten. Bei Rennrädern genügen 30 ml, bei Gravelbikes 60 ml und bei Endurorädern 90 ml pro Reifen.

Wie sollte der Reifen bei tubeless-Systemen aufgepumpt werden?

Idealerweise schraubt man das Ventil heraus, um mit einer herkömmlichen Standpumpe einen größeren Druck zu erzeugen, hält dann das Loch mit dem Finger zu und schraubt dann erst das Ventil rein (um anschließend weiterzupumpen); alternativ können auch Standpumpen mit integrierter Druckluftkartusche verwendet werden, die günstiger sind als Kompressoren. Dabei wird zunächst Luft in die Kartusche gepumpt, die dann im zweiten Schritt mit einem größeren Druck ins tubeless-System geleitet wird. Besonders bei neuen Reifen ploppt dieser, wenn die Reifenwulst in die Kante der Felge springt.

Standpumpe mit angeschlossener Kartusche sorgen für hohen Druck beim Pumpen.
Sebastian skizziert die wichtigsten Reifentypen und -Aufbauten. Die wichtigste Erkenntnis: Auch wenn Hersteller dies anders schildern, sind alle Reifen plattbar, wenn auch mit unterschiedlicher Häufigkeit.

So wartet man Scheibenbremsen

Austausch von Bremsbelägen

Wenn es häufiger hinten oder vorne an der Bremse schleift, kann dies daran liegen, dass die Bremsbeläge abgefahren sind – und im Extremfall die Feder, die die Beläge auf Abstand hält, unmittelbar auf der Bremsscheibe schleift, was die Scheibe zerstören kann. Das Austauschen der Beläge ist einfach:

  • Die Bremsbeläge werden durch eine Schraube und/oder einen Splint im Sattel gesichert, die entfernt werden müssen.
  • Bremssättel von oben entnehmen.
  • Bremskolben zurückdrücken, um Platz für den frischen Belag zu schaffen – beispielsweise mit Hilfe von Reifenhebern.
  • Neue Bremsbeläge einsetzen und Bremse wieder vervollständigen.

Was tun, wenn die Bremse quietscht?

Die Gründe können vielfältig sein:

  • Möglicherweise liegen die Beläge nicht plan auf der Bremsscheibe. Um dies zu korrigieren, löst man die Schrauben am Bremssattel, drückt die Bremshebel, hält sie gedrückt und zieht die Schrauben wieder fest. Diese sollte immer mit eingespanntem Rad im Montageständer erfolgen.
  • Sintermetall-Beläge neigen eher zum Quietschen als andere Beläge.
  • Mehrere Frequenzen zB der Laufräder) überlagern sich – dann sollten andere Beläge oder Bremsscheiben getestet werden.
  • Der Bremsbelag ist möglicherweise verglast, weil er nicht richtig eingebremst wurde. Zum Einbremsen beschleunigt man das Fahrrad auf gut 25 bis 30 km/h und bremst langsam ab, bis man fast zu Stehen kommt (die Räder dürfen nicht blockieren). Der Vorgang sollte rund 30 Mal wiederholt werden.
Wichtig bei Carbonrahmen: Das Rad nie am Rahmen im Ständer befestigen, stattdessen die Klemme an der Sattelstütze arretieren.

Was ist das richtige Tourenwerkzeug?

Im Vergleich verschiedener Multifunktionswerkzeuge, Tourenpumpen und Reifenheber wird schnell klar, dass die Unterschiede bezüglich Packmaß, Gewicht, Funktionsumfang, Material und Verarbeitung sehr stark differieren. Dabei haben sollte man seine Grundausstattung indessen immer. Nur so können Pannen auch in entlegenen Touren behoben und die Weiterfahrt gesichert werden.

Folgende Tipps für eine gut ausgestattete Tourenwerkstatt:

  • Multifunktionswerkzeug
  • Tourenluftpumpe
  • Reifenheber
  • Ersatzschlauch
  • Flickzeug
  • Ventiladapter für die Tankstelle (Sclaverand- auf Autoventil)
  • Sauberer Lappen
  • Kleines Fläschchen Multifunktionsöl

Das Fazit nach fast vier Stunden Schrauber-Kurs schildert einer der Teilnehmer: „Ich habe bei Reparaturen oder Wartungsarbeiten wie an den Rädern oder Bremsen jetzt nicht mehr so große Berührungsängste – sondern die Zuversicht, das selbst zu schaffen. Und falls ich Probleme habe, wende ich mich dann doch an die Werkstatt meines Vertrauens.“

Herzlichen Dank für die Firmen CrankBrothers und Schwalbe, die den Workshop mit Mustern unterstützt haben.