Innovation trifft Flexibilität – Besuch beim Weltmarktführer Busch + Müller

Hidden Champions – so werden Unternehmen bezeichnet, die mit innovativen Produkten teilweise seit vielen Jahrzehnten landes- oder gar weltweit an der Spitze stehen – doch für die breite Öffentlichkeit verborgen bleiben. Zu solchen versteckten Meistern gehört Busch + Müller in Meinerzhagen, in der Fahrradbranche womöglich international führend im Bereich Fahrradbeleuchtung – auf der breiten Wirtschaftsbühne aber eher unbekannt. Wie die Firma mit Kurzform Bumm (Busch + Müller Meinerzhagen) an die Spitze gelangt ist und wie sie heute funktioniert, das hat eine elfköpfige Radclub- und R2C2-Delegation im Januar im Rahmen einer Betriebsbesichtigung im Sauerland erfahren.

Die erste angenehme Überraschung: Die beiden Firmenchefs, Senior Dr. Rainer Müller und Junior Guido Müller, haben die Gäste höchstpersönlich empfangen, in die Firmengeschichte eingeführt und durchs Werk geleitet – und selbst das Gruppenfoto ist Chefsache.

Dr. Rainer Müller (Mitte) empfang mit seinem Sohn Guido die Radclub-Delegation.

Die Radclubs-Mitglieder, die teilweise von weit her angereist waren, aus Amsterdam, Hamburg und Cloppenburg, kamen in Meinerzhagen nicht nur wegen der Chefarztbehandlung voll auf ihre Kosten: Fast fünf Stunden dauerte die B+M-Besichtigung, inklusive Verpflegung am Büffet und Montage von eigene Scheinwerfern durch die Teilnehmer selbst.

Busch + Müller: Wie alles anfing

Als August Busch und Willy Müller, der eine Werkzeugmacher, der andere Kaufmann, 1925 ihr Unternehmen für Katzenaugen gründeten, war das wirtschaftliche Umfeld alles andere als rosig. Was dem Duo half, war 1930 eine Vorschrift, dass Fahrräder mit einem Rückstrahler ausgerüstet sein mussten – zuerst unbeleuchtet, später durch ein Glühbirnchen. Busch und Müller stießen in die Marktlücke vor und feierten Erfolge.

Der erste Rückstrahler von Bumm, schon damals formschön.

Flexibilität als Markenzeichen

Was die Firma aber bis heute auszeichnet, ist die hohe Flexibilität, auf Marktbedürfnisse oder -veränderungen mit eigenen Produkten zu reagieren – und mitunter diese wieder zu verwerfen, falls der Erfolg ausbleibt. „Trial and error“ nennt man heute diese Methode. Die historische Produktpalette, die Müller Senior den Besuchern präsentiert, ist beachtlich und reicht von Motorradhelmen, Handwaschmaschinen bis hin zu Spiegeln für die Autoindustrie (für den Opel Rekord hat Bumm zeitweise 30.000 Spiegel pro Monat hergestellt).

Bumm liefert neben den Fahrradprodukten ca. 90% aller Spiegel für BMW-Motorräder, außerdem die auf dem Foto zu sehenden Blinker (mit integriertem Rück- und Bremslicht).

Anderes Beispiel: Erst als der Fahrradteile-Zulieferer Union aus Fröndenberg pleite ging, begann Busch + Müller, selbst neben Rücklichtern auch Scheinwerfer zu bauen.

Innovationen von Busch + Müller

Die Geschichte von Busch + Müller ist aber nicht nur eine der Flexibilität, sondern auch eine der Innovationen, das zeigt sich gerade bei den Scheinwerfern.

  • 1992 war dir Firma weltweit die erste, die ein Fahrrad-Rücklicht mit kondensatorgespeister Standlichtfunktion auf den Markt brachte.
  • 2005 folgte der erste für den Dynamobetrieb in Deutschland zugelassene LED-Fahrradscheinwerfer, mit 40 Lux Lichtmenge – heute gibt es Scheinwerfer mit bis zu 150 Lux.
  • 2015 startete das Unternehmen mit dem IQ-X, dem ersten Dynamoscheinwerfer, der die 100-Lux-Marke erreichte.
  • 2018 folgte mit dem µ („Mü“) das kleinste, straßenzugelassene Rücklicht.
  • 2019 brachte Busch + Müller als Erster einen Scheinwerfer mit Fernlicht in den Handel, für E-Bikes, die beispielsweise bei dunklen Abfahrten im Wald viel Licht benötigen.
Kein antiquiertes Transportmedium, sondern bei Busch + Müller im täglichen Einsatz: eine moderne Rohrpost.

Fertigungstiefe und Wachstum

Das Markante an der Produktion solcher Innovationen bei Busch + Müller ist die extrem hohe Fertigungstiefe: Die meisten Teile werden direkt in Meinerzhagen gefertigt, inklusive der sündhaft teuren Werkzeuge, die teilweise über 200.000 Euro wert sind. Das Portfolio des Unternehmens umfasst aktuell 1300 Artikel.

Wo die teuren, selbstgefertigten Werkzeuge lagern, herrschen besondere Sicherheitsvorkehrungen beim Brandschutz.

Mit der Vielzahl der Innovationen, dem entsprechenden Erfolg auf dem Markt korreliert das Wachstum des Unternehmens vor Ort. 1963 zog Bumm um vom Ortskern Meinerzhagens an den Stadtrand – mit der Prognose der Firmenchefs, auf 750 qm jetzt genug Platz für die Ewigkeit gefunden zu haben. Dann folgte Erweiterung auf Erweiterung, zuletzt vor zwei Jahren allein um 5000 qm auf insgesamt 15.000 qm. „Hüttenwerke“ nennt Müller Senior das gewachsene Gebäudekonglomerat liebevoll. Heute arbeiten rund 290 Mitarbeiter für das Unternehmen, darunter rund 50 Heimarbeiterinnen.

Firmenrundgang durch blitzsaubere Hallen

Der erste Eindruck beim Rundgang durch die Gebäude: Alles ist blitzsauber. Hintergrund: Die Prismen der Lichter sind hermetisch abgeriegelt, dort darf kein Staub und kein Fett hineingelangen, weil sonst die Leuchtkraft beeinträchtigt würde.

Ein Blick in die Spritzgießerei. Hier wird der Kunststoff in Granulatform angeliefert, dann erhitzt und in der Spritzerei in eine Form gegossen – vergleichbar einem Waffeleisen. Ein Roboter nimmt die erkalteten Teile und legt sie in einen Kasten. Damit die Maschinen länger laufen können, wir hier in drei Schichten gearbeitet.
Die Kreativität der Mitarbeiter zeigt sich am Umgang mit Restmaterial.
Die Kunststoffteile der Scheinwerfer und Rücklichter werden per Ultraschallton verbunden – dieser bringt die Moleküle der Kunststoffe zum Schwingen, dann verbinden sie sich fest.
Die Verspiegelung des Scheinwerferreflektors ist eine komplexe Aufgabe. Die Kunststoffschale wird mit einer hauchdünnen Aluminiumschicht bedampft und am Ende mit Klarlack überzogen.
Rund 15 bis 20 Minuten benötigten die Radclub-Mitglieder, um den LED-Scheinwerfer Myc im Selbstversuch zusammenzubauen – die Damen aus der Montage schaffen fast 50 pro Stunde. Die Dame auf dem Bild montiert den komplexeren IQ-X und schafft rund zehn Stück pro Stunde.
Auch die Entwicklung und Konstruktion findet in Meinerzhagen statt. Am Beispiel des Kleinstrücklichts µ („Mü“) zeigt ein Mitarbeiter die Schritte, von der ersten Idee des niederländischen Chefdesigners bis hin zur Markteinführung.
Auch die Blendwirkung von Scheinwerfern wird getestet.
Auf dem Shaker werden Teile 16 Stunden lang durchgerüttelt, um ein ganzes Fahrradleben zu simulieren. Im Nebenraum wird ein Licht einem Dauertest unterzogen, aktuell leuchtet der Scheinwerfer 45.000 Stunden.